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Predigt

Ein Bestandteil eines Gottesdienstes ist die Predigt.  Auf dieser Seite werden wir in Zukunft besondere Predigten veröffentlichen.

28.03.2020 - Predigt von Pastor Wilhelm Kolks zum 5. Fastensonntag während der Coronakrise

21.03.2020 - Predigt von Pastor Wilhelm KOlks zum 4. Fastensonntag während der Coronakrise

Predigt zum 5. Fastensonntag

Lesung: Ezechiel 37,12b-14
So spricht der HERR:
Tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zum Ackerboden Israels.
13 Und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.
14 Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus - Spruch des HERRN.

Evangelium: Johannes 11,1-45
(Ausschnitt)
17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.
25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll

Jede und jeder kennt sie, die Pyramiden von Gizeh, gigantische Grablegen der Pharaonen Ägyptens. Das einzige der sieben Weltwunder der Antike, die noch erhalten sind. Genauso ihre prunkvollen Gräber im Tal der Könige.
Die alten Ägypter glaubten an ein Leben nach dem Tod, an ein Totengericht und ein ewiges Leben.
Umso erstaunlicher, dass zeitlich parallel dazu in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, in Israel, niemand an eine Auferstehung der Toten glaubte. Fast das ganze Alte Testament kommt ohne die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod aus. Vielmehr waren die Israeliten davon überzeugt: „Tote können den HERRN nicht mehr loben, keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.“ (Psalm 115,7)
Dem würden wohl heute, wenn man den Umfragen glauben darf, 50 Prozent der Deutschen, darunter auch viele, die sich noch als Christen verstehen, zustimmen.

Ein merkwürdiger Befund!
Ein merkwürdiger Befund! Unsere heutige Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel, scheint dem zu widersprechen. Ist da nicht von einer „Öffnung eurer Gräber“ die Rede? Heißt es da nicht, dass GOTT den Menschen seinen Geist einhaucht und sie wieder lebendig werden? Wer aber genau hinschaut und diesen Text im Zusammenhang des Buches Ezechiel liest, die oder der wird schnell feststellen: Ezechiel meinte gar nicht reale Gräber und Tote, sondern er vergleicht sein Volk, die Israeliten, die als Gefangene nach Babylon (587 v. Chr.) deportiert wurden und dort im Exil lebten mit Toten, die in Gräbern ruhen.
Diesem Volk, dass sich in seiner Existenz ausgelöscht sieht, sich wie tot fühlt, dass GOTT es aus dem „Grab“ des Exils im fremden Land herausführen wird in seine Heimat.
Als Lesung bei einer Beerdigung heute, scheint mir dieser Text daher wenig geeignet.
Nein, das Alte Testament, das ja in einem Zeitraum von fast 1000 Jahren entstanden ist, kommt die meiste Zeit ohne den Glauben an ein Leben nach dem Tod aus.

Woran liegt das?
Woran liegt das? Etwas vereinfacht könnte man sagen, das Volk Israel mit seinem Glauben an den einen GOTT, setzte sich von dem Glauben der Ägypter klar ab. Nicht nur in der Frage, ob es viele Götter oder nur einen GOTT gibt, sondern auch in der Frage eines Lebens nach dem Tod.
Zwar stehen wir heute bewundernd vor den Grabdenkmälern der Pharaonen, aber eigentlich war es ja ein überbordender Totenkult. Die Grablegen der ägyptischen Oberschicht wurden ja nicht so nebenbei erstellt, sondern Hunderttausende einfacher Leute schufteten dafür. Die Angst vor dem Tod war es, die die Pyramiden entstehen ließ.
Da machte Israel nicht mit! Israel richtete seine Kraft nicht auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits, auf das Hier und Jetzt!
Hier in dieser Welt soll GOTT der HERR seines Volkes sein - du die Zeit und der Ort, wo sich seine Macht erweist - nicht erst in der Welt der Toten. Dieses „Herr-Sein“, diese „Herrschaft“ GOTTES erwies sich dadurch, dass das Volk Israel als gerechte Gesellschaft lebte. Das war der Sinn der Gebote Gottes in der Tora, den fünf Büchern Mose.
Der Glaube der Ägypter und der meisten antiken Völker war da ganz anders. Er war geprägt von der Vorstellungen von willkürlich handelnden Göttern, die man durch Opfer und Rituale gnädig stimmen musste und mit denen man handeln konnte. Wer ihnen viel gab, der erhielt viel - im Leben und auch für ein Leben nach dem Tod.
Das sah der Glaube Israels ganz anders - und in seiner Tradition stehen auch wir. Das Alte Testament sagt: Das Leben jedes Menschen ist nicht abhängig von dem, was ich den Göttern gegeben habe - nein, es ist bestimmt von der liebenden Zuwendung des einen und einzigen GOTTES und der freien Zustimmung des Menschen. Deutlich wird das am Ende der Tora, der fünf Bücher Mose, im 30. Kapitel des Buches Deuteronomium, wo es Mose sagen lässt: „Hiermit lege ich dir heute vor: das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück. Wenn du auf die Gebote des HERRN, deines GOTTES, auf die ich dich heute verpflichte hörst …. dann wirst du leben.“ (Dtn 30,15-19
Nicht Rituale, nicht zeremonieller Aufwand, nicht die Menge der Opfer sind entscheidend für dein Leben, sondern, ob du dich entscheidest nach GOTTES Willen zu fragen, also das Gute zu tun. Es geht also um einen BUND mit GOTT für den ich mich entscheide.
Die Israeliten waren davon überzeugt, wer diesen BUND hält, die Gesetze erfüllt, dem wird GOTT seinen Segen schenken - heute und jetzt.

Warum muss der „Gerechte“ leiden?
Aber - auch das eine Erkenntnis, die sich in den Schriften des Alten Testamentes niedergeschlagen hat - so richtig klappt das oft nicht! Auch den Gläubigen Israels blieb die Erfahrung nicht erspart, dass der „Gerechte“, also der oder die alles richtig gemacht hat, oft Unglück widerfährt oder früh sterben muss, während der „Ungerechte“ scheinbar triumphiert.
Im 2. Jahrhundert vor Christus kam es zu einem „Kulturkampf“ zwischen den griechisch geprägten Nachfolgern Alexander des Großen, die Israel beherrschten und den Israeliten. Die Griechen wollten die Juden von ihrem Glauben und ihrer Kultur abbringen und sie versuchten das mit brutaler Gewalt zu erreichen. ( 1 und 2 Makkabäer). Viele fromme Juden verloren ihr Leben, weil sie dem Zwang nicht nachkamen ihren Glauben an den einen GOTT zu verleugnen. Sie wurden zu Märtyrern für den Glauben.
Hier, also ganz spät im Alten Testament, tauchte nun die Frage auf: „Was geschieht mit denen, die GOTT treu blieben und für ihren Glauben starben? Erleiden sie dasselbe Schicksal, wie ihr Peiniger? Macht der Tod also alle gleich?“
Die Konsequenz aus dem Glauben an GOTTES Gerechtigkeit und Treue ließ nur den Schluss zu, einmal am Ende der Tage, wird GOTT seinen Messias senden und dann wird es ein göttliches Gericht geben, dann werden die Gerechten zum Leben auferstehen und die Ungerechten zur ewigen Finsternis.
Zurzeit Jesu existierten unter den Israeliten noch beide Vorstellungen nebeneinander. Die Gruppe der Sadduzäer hielt daran fest: „Es gibt keine Auferstehung.“ (Mt 22,23ff). Die Gruppe der Pharisäer und wohl die meisten im Volk Israel aber glaubten an diese Auferstehung der Toten.

Glaube an die Auferstehung ohne Glaube an den Auferstandenen
Für viele Christen ist das ein verwirrenden Befund. Offenbar braucht es nicht die Auferstehung Jesu am Ostermorgen, um an eine Auferstehung der Toten, an ein ewiges Leben zu glauben!

Der Unterschied zwischen Juden und Christen - Wann werden die Toten auferstehen?
Unser heutiges Evangelium ist für mich nun der Versuch des Evangelisten Johannes deutlich zu machen, worin der Unterschied zwischen der jüdischen Auffassung von der Auferstehung und der christlichen Auffassung besteht. Nämlich in der Antwort auf die Frage: „Wann werden die Toten auferstehen?“
Noch Paulus (um 45 n. Chr., also 15 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung) war davon überzeugt, dass die Auferstehung erst bei der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit geschieht. Allerdings glaubte er, dass Jesus der Messias ist und dass er SEINE Wiederkunft noch erleben würde.
Johannes der Evangelist schrieb sein Evangelium 50 Jahre nach Paulus. Das ist eine lange Zeit. Von der Vorstellung des nahen Weltendes durch die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, hatten sich die Christen längst verabschiedet. Jetzt musste neu darüber nachgedacht werden über die Frage: „Wann werden die Toten auferstehen?“
Seine Antwort bietet uns der Evangelist nun in einem Stück erzählender Theologie, das wohl kaum so im Leben des historischen Jesu stattgefunden haben wird, wie ich glaube. Zwar berichten die anderen Evangelisten auch von der Auferweckung von Toten durch Jesus, wie dem Jüngling von Nain oder der Tochter des Jairus, aber da waren es Menschen, die quasi auf der „Schwelle des Todes“ waren. Gerade gestorben, noch nicht begraben. Das kennen wir ja auch: „klinisch tot“ und dann reanimiert.
Johannes aber braucht einen einwandfrei Toten. Er lässt Lazarus richtig sterben. Vier Tage liegt er schon im Grab und riecht schon. Da gibt es keine Zweifel, Lazarus war kein Fall mehr für die Intensivmedizin nach heutigem Ermessen.
Weil dem so ist, müssen wir auch nicht darüber nachdenken, ob man Jesus „unterlassene Hilfeleistung“ unterstellen muss, wenn ER zwei Tage wartete, nachdem ER zum kranken Lazarus gerufen wurde. Darum geht es nicht.
Das Zentrum dieser Erzählung von der Auferweckung des Lazarus ist vielmehr die Begegnung Jesu mit Marta. Sie kommt JESUS entgegen und es klingt wie ein Vorwurf, als sie sagt: „HERR, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“ Das ist ja auch unsere Erfahrung, dass der, der Heilung geben kann, oft keine Heilung gibt. Menschen, die wir lieben sterben. Aber für den, der an JESUS glaubt, besteht Hoffnung auch da, wo menschliche Hoffnung am Ende ist und so sagt sie weiter: „Alles, worum DU GOTT bittest, wird GOTT dir geben.“
Darauf - so will uns Johannes meine ich sagen - dürfen wir vertrauen, dass JESUS für seine Freunde beim VATER einsteht.
Die Antwort JESU dagegen klingt auf den ersten Blick enttäuschend: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Das klingt wie eine Erinnerung an das, was Marta ja eigentlich wissen müsste, wie eine Vertröstung. So hört es Marta offenbar auch und so antwortet sie mit ihrem „Katechismusglauben“: „Ich weiß, dass er auferstehen wird am letzten Tag.“
Für diese Antwort lobt sie nun Jesus nicht, sondern ER widerspricht ihr ausdrücklich, wie wir es wohl lesen müssen: „ICH bin die Auferstehung und das Leben. Wer an MICH glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an MICH glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“
Wenn Marta dann antwortet: „Ja, HERR, ich glaube, dass DU der MESSIAS bist, der SOHN GOTTES, der in die Welt kommen soll.“, dann hat sie begriffen, was Johannes uns sagen will: Mit JESUS ist der MESSIAS in die Welt gekommen, heute werden die Toten zum Leben auferweckt!

Alles andere, was dann noch erzählt wird von der Öffnung des Lazarusgrabes und seiner Herausrufung durch Jesus, will diese Aussage nur anschaulich illustrieren.
Hätte man das nicht auch viel einfacher und klarer sagen können, als der Evangelist Johannes es hier tut? Ja, hätte man - und der Evangelist Lukas hat es auch gemacht, denn der lässt in seinem Evangelium den Schächer am Kreuz zur Rechten Jesu bitten: „Jesus, denk an mich, wenn DU in dein Reich kommst.“ und Jesus antwortet ihm: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Wenn es am Anfang unseres heutigen Evangeliums hieß: „Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.“, dann ist seine Botschaft auch heute an uns:
„Wen JESUS liebt, den lässt ER nicht im Grab!“

[Wenn ich diese Predigt im Gottesdienst gehalten hätte, wäre hier der Schlusspunkt gesetzt worden, aber die schriftliche Form erlaubt mir, vielleicht doch noch einen Punkt anzuschließen.]

Der Glaube an die Auferstehung von den Toten - nur eine Vertröstung?
Ernst Bloch (1885-1977), marxistischer Philosoph, hat einmal festgestellt: „Das Christentum siegte in den ersten Jahrhunderten mit dem Ruf: »Ich bin die Auferstehung und das Leben« - Es siegte nicht mit der Bergpredigt … .“
Ich glaube das stimmt nur zum Teil, denn dahinter steckt offenbar die Auffassung, wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, der vernachlässigt die Gegenwart. Es ist der alte Vorwurf: „Religion sei das Opium des Volkes.“ - sie vertröste nur auf ein besseres Jenseits und verhindere, dass Menschen sich im Hier und Heute für eine Veränderung unmenschlicher Strukturen und schlimmer Zustände einsetzen.
Für mich sind dagegen die Bergpredigt JESU und der Glaube an die Auferstehung von den Toten die zwei Seiten einer Medaille, denn in den Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,1ff) sagt uns Jesus: „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. … Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden GOTT schauen.“
Wann denn, wenn nicht im Hier sollen wir „keine Gewalt anwenden“, wann denn, wenn nicht im Heute sollen wir „Frieden stiften“?
Den Ägyptern kann man den Vorwurf machen, sie hätten auf ein besseres Leben nach dem Tod vertröstet, JESUS nicht. Gerade ER hat mit dem Glauben Israels, dass es GOTT um diese Welt und ihre Menschen im Hier und Jetzt geht, ernstgemacht.

ER hat gezeigt: Gerade wer an den GOTT glaubt, der treu ist auch im Tod, kann sein Leben riskieren, damit diese Welt eine menschlichere und damit göttlichere wird.

Tausende Menschen tun das in diesen Tagen der Coronakrise auf den Intensivstationen der Krankenhäuser, in den Arztpraxen und bei den Pflegediensten, wo sie hohe Risiken für ihre eigene Gesundheit eingehen. Sie geben uns ein österliches Zeugnis.

Pastor Wilhelm Kolks

Predigt zum 4. Fastensonntag 2020

Lesung aus dem ersten Buch Samuel (1 Samuel 16)
1 Der HERR sagte zu Samuel: Wie lange willst du noch um Saul trauern? Ich habe ihn doch verworfen; er soll nicht mehr als König über Israel herrschen. Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen.
2 Samuel erwiderte: Wie kann ich da hingehen? Saul wird es erfahren und mich umbringen. Der HERR sagte: Nimm ein junges Rind mit und sag: Ich bin gekommen, um dem HERRN ein Schlachtopfer darzubringen.
3 Lade Isai zum Opfer ein! Ich selbst werde dich dann erkennen lassen, was du tun sollst: Du sollst mir nur den salben, den ich dir nennen werde.
4 Samuel tat, was der HERR befohlen hatte. Als er nach Betlehem kam, gingen ihm die Ältesten der Stadt zitternd entgegen und fragten: Bedeutet dein Kommen Frieden?
5 Er antwortete: Frieden. Ich bin gekommen, um dem HERRN ein Schlachtopfer darzubringen. Heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer! Dann heiligte er Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer ein.

6 Als sie kamen und er den Eliab sah, dachte er: Gewiss steht nun vor dem HERRN sein Gesalbter.
7 Der HERR aber sagte zu Samuel: Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz.
8 Nun rief Isai den Abinadab und ließ ihn vor Samuel treten. Dieser sagte: Auch ihn hat der HERR nicht erwählt.
9 Isai ließ Schima kommen. Samuel sagte: Auch ihn hat der HERR nicht erwählt.
10 So ließ Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai:
Diese hat der HERR nicht erwählt.
11 Und er fragte Isai: Sind das alle jungen Männer?
Er antwortete: Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe.
Samuel sagte zu Isai: Schick jemand hin und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist.
12 Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen.
David war rötlich, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt.
Da sagte der HERR: Auf, salbe ihn! Denn er ist es.
13 Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern.
Und der Geist des HERRN war über David von diesem Tag an.
Samuel aber brach auf und kehrte nach Rama zurück.

Die „Sehschule“ Gottes

Jede und jeder von uns kennt die Erzählung von David und Goliath.
Der Hirtenjunge David besiegt den schwergerüsteten, riesenhaften Vorkämpfer der Philister mit einer einfachen Schleuder, mit der er sonst seine Schafe und Ziegen vor Raubtieren schützte.
Kinder lieben diese Geschichte, obwohl sie ziemlich brutal ist, aber sie erzählt davon, dass man die Kleinen nicht unterschätzen soll. Das mögen Kinder.

Diese Erzählung hat aber eine Vorgeschichte und die ist die Lesung des heutigen Sonntages.
Warum soll uns so eine Geschichte interessieren in Zeiten, wo der Coronavirus das öffentliche Leben lahmlegt, Menschen Hamsterkäufe tätigen, Politikerinnen und Politiker zu Entscheidungen gezwungen sind, die sie sich vor zwei Monaten noch nicht hätten vorstellen können?
Sicher nicht, um zu erfahren, wie David zum König von Israel wurde.
Das mag Theologen und Historiker interessieren, aber es ist für uns eigentlich ohne Belang.

Wenn wir allerdings so eine alttestamentliche Erzählung als „Spiegel“ nutzen, in dem wir uns selbst sehen, dann wird es interessant und dazu möchte ich sie heute einladen.

Samuel

Schauen wir zunächst auf Samuel, den Propheten. Der bekommt einen Auftrag vom HERRN:
„Fülle dein Horn mit Öl, und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen.“

Das ist eine Weisung, die an Klarheit nichts vermissen lässt - nur welchen der acht Söhne Samuel salben soll, wird ihm nicht gesagt.
Uns geht es doch oft auch so: Die Weisung Gottes ist klar „Liebe deinen Nächsten“ aber wir fragen „Wer ist mein Nächsten?“, oder ich spüre, dass ich vielleicht ein freiwilliges Engagement übernehmen sollte, frage mich aber welches?, oder ich habe Zeit - gerade die wird uns ja gerade reichlich gegeben - aber wofür nutze ich sie am sinnvollsten?
Es geht also hier darum, wie ich zu einer Entscheidung komme.

Der Blick auf den Propheten Samuel in unserer Erzählung sagt mir, dass oft nicht das das richtige ist, was mir als erstes in den Sinn kommt und wovon ich auf den ersten Blick überzeugt erscheine. Meist gibt es ja Alternativen und die gilt es in den Blick zu nehmen, damit ich keine vorschnelle Entscheidung treffe. So lässt auch Samuel sieben Söhne Isais nacheinander vor sich hintreten.

Eigentlich sind es ja zwei, die in unserer Lesung den Blick auf die Söhne Isais werfen. Fast könnte man sagen: „Vier Augen sehen mehr als zwei.“ Als gläubiger Mensch möchte ich ja auch, dass meine Entscheidung GOTT gefällt und dass ER mir hilft, mich zu entscheiden. Von daher ist die Situation des Samuel durchaus mit uns vergleichbar, wenn wir in Entscheidungssituationen stehen, wo es um wichtige Sachen geht.

Samuel hatte darin schon einige Erfahrung, denn schon als kleiner Junge als er noch Schüler es Priesters Eli im Heiligtum von Schilo war, wird von ihm erzählt, dass er nachts die Stimme GOTTES hörte. Zunächst verwechselte er die nächtliche Stimme mit der seines priesterlichen Erziehers, bis der ihm den Rat gab: „Geh, leg dich schlafen! Wenn ER dich wieder ruft, dann antworte: Rede, HERR, denn dein Diener hört.“ (1 Samuel 3)
Als er sich wieder schläft, spricht dann der HERR zu ihm.

Die Bibel ist an vielen Stellen davon überzeugt, dass wir im Schlaf offener für GOTT sind. (Gen 28,10ff; Mt 3,20; 2,12; ). Wir kennen das ja auch, das uns vor Entscheidungen manchmal der Rat gegeben wird: „Lass uns erstmal eine Nacht darüber schlafen.“ - und am nächsten Morgen ist uns klar, wofür wir uns entscheiden.
Es scheint, im Schlaf sind wir näher bei uns selbst, näher bei unserer eigenen Mitte, nicht getrieben von Bedenken und Einsprüchen außerhalb von uns. Diese Mitte unserer Person nennt die Tradition das Herz und hier spricht GOTT zu uns, was wir im Lärm des Tages oft überhören.

Im Buch „Der kleine Prinz“ des Dichters Antoine de Saint-Exupéry heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Das stimmt, aber sicher gilt auch: „Man hört nur mit dem Herzen gut!“

Das erinnert an den jungen König Salomo, der GOTT nicht um Macht oder Sieg über seine Feinde bittet, sondern um ein „hörendes Herz“. Darum scheint es auch hier zu gehen. Der Mann GOTTES, Samuel, hat ein „hörendes Herz“, er steht in Verbindung mit GOTT.
Uns kann das ein Hinweis sein, wie auch wir zu den richtigen Entscheidungen kommen, dass wir sie nämlich immer wieder mit in unser Gebet nehmen, sie in der Stille vor GOTT hinhalten im Vertrauen, dass ER uns hilft, das Richtige zu wählen.

Aber unsere Erzählung geht noch weiter. Samuel kommt zu keiner Entscheidung und dann ist es gut wie er zu fragen, ob das wirklich alle Alternativen waren, die ich bisher im Blick hatte. Samuel fragt Isai daher: „Sind das alle deine Söhne?“ also „Sind das wirklich alle Möglichkeiten, die ich habe? Haben wir nicht vielleicht noch etwas übersehen?“
„Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe“ bekommt Samuel von Isai zu hören. Da schwingt mit: „Ihn zu holen lohnt sich eigentlich nicht, der ist nur zum Hüten der Schafe gerade gut genug.“ So geht es uns vielleicht auch, dass wir nur an den offensichtlichen Alternativen interessiert sind, das kleine, schnell übersehene, unbedeutende klammern wir aus. Dem trauen wir nichts zu oder beziehen es in unsere Überlegungen gar nicht ein.
In unserer Erzählung lernen wir, dass gerade in dem, was wir oft für unbedeutend oder vernachlässigbar halten, was wir geringschätzen, doch ein großes Potential schlummert. Auch das, was uns auf den ersten Blick vielleicht abwegig erscheint, lohnt es sich anzuschauen und genau dafür nimmt sich Samuel die Zeit:
„Schicke jemanden hin, und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist.“
Und als der junge David dann vor ihm steht, hört Samuel die Stimme GOTTES: „Auf, salbe ihn! Denn er ist es.“

So gesehen, kann uns diese Erzählung schon eine ganze Menge darüber sagen, wie auch wir zu richtigen Entscheidungen kommen können.
Vielleicht ist gerade die jetzige Situation, wo wir so sehr eingeschränkt werden, wo wir verzichten müssen auf Ablenkung, auch geschenkte Zeit unser Leben in den Blick zu nehmen und uns zu fragen, wo und wie wir es neu „justieren“ wollen. Die Bibel nennt das „Umkehr“.

GOTT

Es lohnt sich aber auch auf GOTT zu schauen, der ja zu Samuel spricht.
Keiner und keine von uns wird sagen, dass sie oder er schon mal so klar GOTTES Stimme gehört hat. Ich denke, diese Darstellung, wie GOTT zum Propheten spricht, ist der literarischen Form der Erzählung geschuldet. Wie soll man auch ein inneres Geschehen sonst erzählen? Die Stimme des Gewissens, was uns „zu Herzen“ spricht, kann man nicht mitschreiben. Aber kennen tun wir das alle, dass wir manchmal tief in unserem Inneren hören: „Tu das“ oder „Tu das nicht“. Gläubige Menschen sind davon überzeugt, dass die Stimme unseres Gewissens die Stimme GOTTES ist.

Unsere Erzählung lässt uns nun aber fragen: „Warum macht GOTT das so und nicht anders?“ ER weiß doch, wen ER als neuen König haben will? Warum sagt ER nicht: „Hallo Samuel, Isai hat acht Söhne. Den Jüngsten salbe mir zum König über Israel!“?

Wir stoßen hier auf etwas ganz Zentrales unseres Glaubens! GOTT greift nicht ein in unsere Welt, sondern ER wirkt durch uns, wenn wir uns für IHN und seinen Willen öffnen. Das aber ist eine Einladung, die wir in Freiheit annehmen können. GOTT nimmt diese Freiheit ernst und daher lädt er selbst einen Propheten wie Samuel in seine „Sehschule“ ein und gibt keine Befehle.

Der Satz, um den sich diese ganze Erzählung dreht, scheint mir zu sein: „GOTT sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz.“

Das soll der Prophet, und ich denke eben auch wir, bedenken.
Können wir das lernen, auf das „Herz“ eines Menschen zu schauen und nicht nur auf sein Äußeres?

Von Jesus wissen wir, dass ER wusste, was in den Herzen der Mensch ist (Mt 9,4). Ob die Menschen, die IHM begegneten, meinten, was sie sagten oder IHM eine Falle stellten wollten, ob die Herzen seiner Jünger verstockt waren (Mk 2,8) oder ob ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit vor IHM stand (Joh 1,47).

Mir scheint, dass JESUS die Menschen aus der Perspektive GOTTES sah und eben diese Perspektive legt uns unsere Erzählung ans Herz.

Unser Blick auf einen Menschen ist meist subjektiv. Fast automatisch fragen wir uns, gefällt dieser Mensch mir, kann der mir nützen, passt der oder die zu mir und zu meinen Vorstellungen. So fällen wir Menschen meist unsere Entscheidungen. GOTT aber hat das nicht nötig. GOTT nimmt uns an, so wie wir sind. ER blickt nicht mit Vorurteilen oder mit Nützlichkeitserwägungen auf uns, sondern mit dem Blick einer unendlichen, absichtslosen Liebe.
Die Begegnung JESU mit dem Zöllner Zachäus ist dafür ein wunderbares Beispiel, wie ER auf das Herz schaut (Lk 19). Immer wieder nimmt ER seine Jüngerinnen und Jünger und damit auch uns in die „Sehschule“ GOTTES, der nicht auf das schaut, was vor Augen ist, sondern auf unser Herz.

David

Zum Schluss bleibt noch der Blick auf den, der dann von Samuel zum König gesalbt wird: David.
Seine weitere Geschichte, wie dann aus dem Hirtenjungen aus Betlehem der König von Israel wird, lässt Zweifel daran aufkommen, ob GOTT wirklich den richtigen gewählt hat.

Denken wir nur daran, wie David seine Macht missbraucht, als er die Frau des Urija sexuell missbraucht und dann ihren Mann, den Hetiter Urija umbringen lässt (2 Samuel 11).

Die Bibel verschweigt das alles nicht und sie beschönigt auch nichts. Sie lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass so ein Handeln GOTT nicht gefällt. Die Bibel spricht eben auch davon, wozu wir imstande sind, wenn wir uns in unseren Entscheidungen nicht von unserem Gewissen und damit von GOTT leiten lassen, sondern auf andere Stimmen hören. So ist und bleibt die Bibel eben auch das Lehrprogramm GOTTES für uns.
Immer wieder in diesen Spiegel zu schauen, lohnt sich, denn dann sind wir in der „Sehschule“ GOTTES.

Pastor Wilhelm Kolks